Sehen - Hören - Fühlen

 

           

Sehen - Hören - Fühlen

Es gibt in meinen Arbeiten sehr unterschiedliche Ansatzpunkte für die Realisierung einer neuen Installation oder eines neuen Instrumentes. Dazu gehören neben den thematischen Konzepten vor allem auch das Untersuchen von Materialien, die Nutzung ausrangierter Industriemaschinen und Beschäftigung mit deren Geschichte, das Verfremden herkömmlicher Gebrauchsgegenstände und nicht zuletzt auch der Ausstellungsraum.

Objekte, wie Luftpumpen, Steuerhebel, Absperrhähne, Telefone oder Räder vermitteln eine vertraute Atmosphäre, die zum Experimentieren einlädt. Ich konstruiere eigenständige Geräte, die Bewegungs- und Klangabläufe steuern. Einfache haptische Tätigkeiten werden in musikalisch gestaltete Konzepte umgesetzt.

Musik machen ist fast immer gekoppelt mit gestischen Bewegungen. Ein Konzertbesuch ist für mich nicht nur hören, sondern auch sehen, spüren usw.. Die für die Musik notwendigen Handlungen der Akteure verändern das akustische Geschehen. Schließt man die Augen, hat man ein völlig anderen Eindruck. CD-, MP3-Player und der Lautsprecher als Universalklangobjekt für alle möglichen Töne und Geräusche geben uns die Möglichkeit, "nur" zu hören, auch wenn es eine Verfremdung der akustischen Situation im Konzertraum ist.

Ich sehe ein Konzert aber nie als nur ein Konzert. Es ist immer auch eine multimediale Veranstaltung. Mich interessieren die "Arbeitsgesten" der Musiker. Ich schreibe Musik zum Erleben, konstruiere Instrumente, die "augenscheinliche" Techniken verlangen, suche nach Aktionen und Arbeitsabläufen, die musikalisch sind. Dabei gehe ich nicht immer von einer szenischen Gestaltung aus, wie es oft im Musiktheater gemacht wird, sondern baue Instrumente, präpariere Sportgeräte und Alltagsgegenstände so, dass die Handlungen für die Klänge zwingend notwendig werden, so wie eben auch ein Posaunist den Zug seines Instrumentes bewegen muss, um entsprechende Tonhöhen zu ändern, ohne ein Show zu inszenieren. So sehe ich Parallelen zu anderen Arbeiten, meistens handwerklicher Art und beobachte die automatischen Abläufe und ungewollten Gesten, die Voraussetzung sind, um ein Material zu bearbeiten, um etwas herzustellen. Aufgrund dieser optischen Präsenz der Arbeit, schreibe ich Stücke, die diese Bewegungen koordinieren (z.B. Stück für 14 nähende Leute, die nebenbei die Chinesische Aussprache lernen). Niemand muss schauspielern. Die ungespielte Konzentration überträgt sich auf faszinierende Art und Weise aufs Publikum (Lächelnde Musikanten bei der Arbeit konnte ich noch nie leiden, lachendes Publikum schon).

Die Reihenfolge der Aktionen muss nicht unbedingt einem logischen "Arbeitsprozess" folgen.

Manchmal bestimmen Gestik und Situation die musikalischen Aktionen. Die Beschreibung einer Bewegungen, eines Zustandes, einer Handlungen als Vorgabe, führt zum Klang.

Die Heiterkeit, die sich ab und zu einstellt, ist durchaus berechtigt und schafft interessante Überraschungsmomente. Das Verfremden der von uns gewohnten Abläufe und das Nutzen von Dingen entgegen ihrer ursprünglichen Bestimmung gehört zum Prinzip und ist manchmal selbst schon zur Gewohnheit geworden.

Wenn ein Witz gut ist, werden unsere vorgefertigten Denkmuster aus der Bahn geschmissen und wir wehren uns dagegen, indem wir lachen. Dieses plötzliche Abbiegen der Gedankengänge überrascht uns und eröffnet einen neuen Weg, der eine Faszination auslöst, weil wir ihn von selbst so nicht gegangen wären. Es verändert unseren ursprünglichen Plan und lässt versteckte Improvisationsfähigkeiten entdecken. Der Witz ist die Vorstufe zum Humor, einer schwer zu erlernenden Technik, die Spontanität und das Reagieren im Augenblick des Geschehens verlangt. Er eröffnet neue Wege und Betrachtungsweisen und steigert die Wachsamkeit für alles Ungewöhnliche.

Wenn wir einen Raum schaffen, indem alles auf ungewohnte Weise, sozusagen funktionslos funktioniert, kann das Publikum selbst in Aktion treten, indem es die gewohnten Gegenstände benutzt und auf Überraschungen gefasst sein muss. Dann wird der Betrachter, vielleicht auch ohne es selbst zu bemerken, zum Mittelpunkt der Handlung.

Erwin Stache 2010