Wolfgang Schilling

 

 

Warum klingt es am Rhein so schön?

Der Beuchaer Erwin Stache war fast ein Jahr lang Stadtklangkünstler in Bonn

Der Name Erwin Stache hat einen guten Klang. In der Welt der Klangkunst. Als der Deutsche Musikrat unter dem Motto „Klangkunst - a german sound“ eine internationale Wanderausstellung konzipierte, wurde der Mann aus Beucha wie selbstverständlich ins zehnköpfige National (Klang) Team berufen. Nun touren seine kleinen, mit schwarzem Samt ausgeschlagenen Klangkästen als deutsche Klangbotschafter durch die Welt. Öffnet der neugierige Besucher in Lodz oder Rom eins von ihnen, initiiert er ein kleines Klangerlebnis. Der Betrachter ist Akteur und Auslöser zugleich. Ein Prinzip das in Hongkong genauso funktioniert, wie derzeit in Salzburg. Einmal in die Welt gesetzt, arbeiten Staches Apparate und Skulpturen auch ohne weiteres Zutun des Erfinders. Der setzt auch bei den kuriosesten Installationen, wie dem Waschmaschinenprogrammscheibenorchester, auf ein nachhaltiges Klangerlebnis. Meine Hand für mein Produkt, nannte man das zu anderen Zeiten. Aus deren materiellen Hinterlassenschaften Stache seine elektro-akustischen Apparaturen und Klangmechanismen entwickelt. „Es ist nicht nur der Klang, der mich an Alltagsgegenständen, Fundstücken oder Industrieabfällen interessiert, sondern auch deren Form, Struktur und Geschichte. Sie sind unterschiedliche Ausgangspunkte für das Konstruieren einer Klangskulptur oder eines neuen Instrumentes." Etwa bei Workshops, die er inzwischen weltweit mit Erfolg ausrichtet. Ob auf Einladung des Goethe-Instituts an Schulen in Ghana, mit Studenten in Taipeh oder demnächst wieder in Norwegen. Wo er auf Einladung von Ultima, des größten Festivals für zeitgenössische Musik im Norden Europas, auch schon der renommierten Osloer Oper mit einer Installation buchstäblich aufs Dach gestiegen ist. So weit, so hoch hinaus und international erfolgreich. Doch auch im eignen Land gilt er inzwischen, vielleicht nicht als Prophet, aber als erste Besetzung, wenn es darum geht, für Klangkunst mit Nachhall zu sorgen. So engagierte ihn Sir Simon Rattle für sein Education Projekt an die Berliner Philharmonie. Nach einem nicht immer leichtem Probenprozess an einer Neuköllner Problemschule nahmen seine Eleven nach ihrem Konzert mit präparierten Alltagsgegenständen nicht nur den enthusiastischen Beifall des Publikums mit Migrationshintergrund, sondern auch den des begeisterten deutschen Bildungsbürgertums entgegen. Ein irrer Soundtrack zur hauptstädtischen Integrationsdebatte. Dem Stache noch ein Finale in der alten Bundeshauptstadt am Rhein folgen ließ. Wo für ihn jetzt ein neunmonatiges Gastspiel als Bonner Stadtklangkünstler zu Ende geht. Im Auftrag der Beethovenstiftung war er aufgefordert, sich musikalisch ins öffentliche Leben der Stadt einzumischen. Unter dem Motto „Bonn hören“ sollte er mit verschiedenen Klangkunstprojekten einen engen Bezug zur Stadt, ihren Bürgern und Besuchern und deren Alltagsleben herstellen. Stache zog dabei alle Register und mit seiner Installation „87,3 Kilo Ohm“ quer durch die Stadt. Egal ob am Rheinufer, auf der Museumsmeile oder in der multikulturell bewohnten Nordvorstadt, die interaktive Klanginstallation wurde angenommen. Berührt man die Metallstangen mit den Händen, stellt eine körperliche Verbindung zwischen ihnen her, beginnt ein geringer Strom zu fließen. Durch den unterschiedlichen Hautwiderstand oder die Feuchtigkeit der Hände entstehen dabei Klänge, Töne und Geräusche, die sich durch jede weitere Berührung hörbar in Tonhöhe und Klangfarbe verändern. Ein spielerischer Effekt der nicht nur Kinder anzieht, sondern Probanden jeden Alters wieder zu solchen werden lässt. Viel Spaß verbreitete Stache auch mit seinem Kuckucksuhren-Orchester, das sich im Rahmen des Beethovenfestes an der Mondscheinsonate probierte. Auch wenn viele seiner Installationen von Humor getragen werden, als musikalische Clownerien sollte man sie nicht abbuchen. Als Abschluss seiner Stadtklangkünstlerzeit schenkt er der Stadt nun die Installation „Du gehst – 5,3 Kilo Meter pro Stunde“. In einer Fußgängerzone hängt eins der Warnschilder, die normalerweise Autofahrern anzeigen, wie viel zu schnell sie meist fahren. Nun erfährt der Passant in der Bonner Friedrichstrasse, wie langsam er eigentlich unterwegs ist. Gleichzeitig löst er mit seinem Rhythmus eine virtuelle Schrittfolge aus, die ihn über Lautsprecher verstärkt ein Stück des Wegs begleitet. Bleibt er stehen, eilen die Schritte weiter. Kreuzen sich vielleicht mit denen eines Entgegenkommenden. „Die akustische Schrittverfremdung lässt neue Klangspiele zu, kleine Melodien, minimalistische Rhythmen. Auch hier kann der Passant bewusst eingreifen, Schrittmelodien gestalten und mit anderen zusammen eine eigene Musik kreieren.“, lässt Stache wissen. Die letzten Tests vor der Einweihung am 21. Januar um 16 Uhr „verliefen“ zur vollsten Zufriedenheit des scheidenden Bonner Stadtklangkünstlers.

W. Schilling 2012