Musik - Objekt

 

 

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Radjo Monk

Erwin Stache unterstellt seinen Klangobjekten keine philosophischen Fragen und wattiert sie nicht mit Theorien, dergleichen scheint er den Assoziationen des Betrachters überlassen zu wollen. Daß der Betrachter Materialien wiedererkennen mag, die er schon einmal in einem Baumarkt gesehen hat, oder Teile aus Geräten, die er selbst schon vor Jahren aus seinem Haushalt ausrangierte, ist ein nicht unwesentlicher Nebeneffekt, der eine sonderbare Intimität zwischen Objekt und Betrachter entstehen lassen kann. Vielleicht kann man Erwin Stache einen Abenteurer im Dreieck von Physik-Musik-Elektroakustik nennen. Unter den Forschern ein Komödiant, unter den Komödianten ein Forscher ...

Sein Sinn für das Paradoxe findet seinen Niederschlag in den Erfindungen und in der Art, wie er sie zueinander in ein Verhältnis setzt, das heißt komponiert.

Obwohl Erwin Stache selbst weder Anleihen gemacht noch Bezüge innerhalb der Moderne gesucht hat, wirken manche Objekte wie Variationen der berüchtigten "Hochzeit von Regenschirm und Nähmaschine" vor dem surreal Traualtar. Staches originäres Selbstverständnis schließt Epigonentum aus. Die Originalität seiner Arbeiten ist eine Folge seiner Fähigkeit, komplizierte Dinge und Zusammenhänge zu durchschauen, indem er sie in einen von ihm gestalteten Sinnkomplex stellt, der das lähmende ES IST zu einem aktivierenden ES  KANN SEIN werden läßt.

Wenn sich drei Zeiger in einem Rahmen aus einfachen Holzleisten mal in Uhrzeigerrichtung, mal gegen ihn drehen, dabei einander ins Gehege kommen und plötzlich stoppen, kann sich dahinter auch eine Einladung zum Gedankenspiel verbergen. Vielleicht repräsentieren die drei Zeiger den dreidimensionalen Wahrnehmungsraum, die ehernen Gesetze der Geometrie? Die vierte Dimension, die Zeit, deren Verlauf wir für gewöhnlich als linear empfinden, darf sich in diesem Werk Erwin Staches einmal auf jede Dimension einzeln auswirken und Verwirrung stiften. Möglicherweise aber symbolisieren die drei Zeiger auch Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft in rätselhafter Synchronität, wer weiß. Vielleicht ist das  UHRBILD eher ein URBILD des menschlichen Hanges zur Generalisierung seiner Erfahrungen, seiner Perspektive auf die Dinge.

Oder das monoton über schwarzen Bildgrund laufende Endlosband, welches sich über Umlenkrollen dreht und einmal weiß, einmal schwarz ist, so daß fortwährend konstruktivistisch wirkende Schwarz-Weiß-Figuren in langsam sich verschiebenden metrischen Mustern zu sehen sind ... reibt sich da nicht ein Gaukler hinterm Rücken des Königs Vernunft die Hände vor Vergnügen?

Es ist eine martialische Provokation, wenn Erwin Stache inmitten einer Welt der Fernbedienungen hinweist auf das Hinfällige, indem er beispielsweise keine Gehäuse um seine Mechaniken baut und den Betrachter somit die Wirkungsweise seiner Erfindungen nicht verheimlicht. Man mag darin eine Persiflage auf das Maschinenzeitalter erkennen, das noch immer als Grundlage des technologischen Industriezeitalters gelten kann, oder auch verblüffend bizarre Produkte einer ebenso kindlichen wie anarchischen Phantasie, möglicherweise auch Materialisationen des Wunsches eines einsamen Pianisten nach musikalischen Begleitern, mit denen er in Eigenregie die Klaviatur von Sinn bis Unsinn spielen kann.

Die Ästhetik des scheinbar funktionslos Funktionierenden erschließt sich um so nachdrücklicher, wenn man in seinen Installationen dem Angebot des Künstlers nachkommt und die Klangkörper selbst bedient. So dringt man als Betrachter nicht nur auf direktem Wege ein in die Geheimnisse einer physikalischen Rumpelkammer, sondern wird auch des Charmes teilhaftig, den Erwin Staches Ideen haben.

Radjo Monk, Leipzig

( aus Katalogtext: "Topos – inszenierte Raumerfahrung")

 

English

Music - Object

Erwin Stache does not impose any philosophical questions upon his "sound objects", nor does he encase them in theories - he appears to want to leave the observer to draw his own conclusions about that sort of thing. The fact that the observer may recognise materials that he once saw at a building supply store, or parts of appliances long since discarded from his household, is not a insignificant effect which can cause a special sort of intimacy to emerge between the observer and the object. Perhaps one can call Erwin Stache an adventurer in the triangle of physics, music and electro-acoustics. A scientist among entertainers and an entertainer among scientists... His sense of paradox finds expression through his inventions and through the manner in which he places them in relation to one another, that is to say in which he composes.
Although Erwin Stache has neither borrowed anything, nor has he made any acquisitions from within the modern, some pieces have an effect similiar to variations on the infamous "Marriage of an Umbrella and a Sewing Machine" before the surreal marriage-altar. The original way in which Stache sees himself excludes epigonism. The originality of his works is a result of his ability to comprehend complicated things and relationships, in which he puts them into a selfmade sensory complex which allows the paralyzing  i t   i s  to become an activating  i t   c a n   b e . Behind the three hands within a simple wooden frame, turning at times clockwise, at times anti-clockwise, thus encroaching upon one another and suddenly coming to a halt, there could lie a concealed invitation to play mind games. Perhaps the three hands represent the three-dimensional perception of space, the iron laws of geometry. The fourth dimension, time, whose passing we usually perceive as linear is allowed for once in this work of Erwin Stache's to affect every individual dimension and cause confusion. Possibly, however, the three hands also symbolize past, present and future in puzzling synchronism, who knows. Perhaps the clock picture (Uhrbild) is more a prototype (Urbild) of the human tendency to generalize his experiences, his perspective on things. Or the endless conveyor-belt, running monotonously across a black base, which turns on rollers and is alternately black then white so that apparently constructivistic black-and-white figures can continuously be seen in slowly shifting metric patterns... is not some jester standing behind King reason's back rubbing his hands in glee ? It is a martial provocation when Erwin Stache points to that which is frail admidst a world of remote-control, in which, for example, he does not build a casing around his mechanics and thus exposes the works of his inventions to the observer. One may recognise therein a satire on the machine age which can still be valid as a foundation for the technological industrial age, or also the bafflingly bizzare products of a childlike and equally anarchic fantasy.
lt is possibly also the materialization of the wish of a lonely pianist for the musical accompanists with whom he can play the keyboard from sense to nonsense under his own direction. The aesthetics of the apparently functionless reveal themselves even more emphatically when we take up the artist's offer and operate the "sound objects" ourselves with the use of a foot-pedal. In this way the observer not only directly enters into the secrets of a physical junk-room, but also partakes of a charm which Erwin Stache's ideas possess.

Radjo Monk, Leipzig