Konzert - Performance

Die Bühne ist dunkel. Geheimnisvolle große schwarze Kästen rollen über die Bühne - wie von Zauberhand bewegt. Sie singen mit Carusos Stimme. Ein einsamer hölzerner Finger hackt unermüdlich und doch vergeblich auf immer die gleiche Taste am Klavier. Im Hintergrund spuckt ein seltsamer "Kugelfahrstuhl" unermüdlich Murmeln auf eine Zither, hüpfend und springend über die Saiten erreichen diese eine Rinne, die sie aber nur wieder zum "Kugelfahrstuhl" führt.
Merkwürdige Gebilde hängen von der Decke herab, ein Hammer fällt - scheinbar auf geheimnisvolle Weise gesteuert - immer wieder auf eine einsame Klaviersaite herab, eine Säge und eine Bohrmaschine singen hie und da ihr Lied. Und auf einer langen Tafel ist gedeckt für eine Gesellschaft, die doch einen seltsamen Appetit zu haben scheint. Appetit auf Klänge? Nein - dies ist nicht das Szenario für einen Lehrfilm übers Gruseln. Wir befinden uns in einer Vorstellung des Klangkünstlers Erwin Stache. Im Musikabsurritorium. Und jetzt sehen wir ihn auch, umringt von Hebeln und Schaltern, selbstgebauter Elektronik, die ihre Herkunft aus ausrangierten Waschmaschinen und Kassettenrekordern nicht verhehlt. Rasant spielt Stache Klavier, hat aber immer noch ein drittes Auge und eine dritte Hand übrig für die Geräte, Maschinen, Apparate und Schalter - und für die vierte Hand ist da schließlich noch das Tonband mit der Kurbel. Man sieht die Geräte ächzen, man hört sie schwitzen. Ein fürchterliches Alien aus dem Universum entpuppt sich als genial beleuchtete und präparierte Heuwendemaschine umfunktioniert zum gigantischen Musikinstrument. Kein Gehäuse verbirgt das Innere, keine philosophische Theorie das Äußere... Und bei Stache wird nichts weggeworfen, da gibt es nichts, was wertlos ist. Nicht: Alles singt! Sondern: Alles klingt! Geräte werden abgehorcht, belauscht, wie sie klingen, Stache entdeckt Klänge und Geräusche (wo ist da eigentlich die Grenze?), die weder die Geräte selbst noch gar ihre Konstrukteure kannten. Der verdrängte Klang? Der nebensächliche Klang? Der überflüssige Klang?? Alles wird zum Instrument im Stach'schen Orchester. Abgehorcht werden aber auch die Musik und die Sprache. Auch hier nichts, was nicht noch - obwohl oder vielleicht auch, weil es so abgegriffen ist - im Klangkosmos Verwendung fände. Das In- Beziehung- Setzen von Dingen, die auf den ersten Blick zu unterschiedlichen ästhetischen Dimensionen gehören und deren unmittelbarer Kontakt nur ein künstlicher sein kann - so definierte einst Max Ernst den Surrealismus. Ist Stache ein Klangsurrealist? Oder eher ein Klangrealist?

Erwin Stache, geboren 1960 in Schlema, Studium von Mathematik, Physik und Pädagogik. Musikausbildung in Leipzig. Seit 1983 freischaffender Musiker und Gerätebauer. Viele Jahre gemeinsame Projekte mit dem Schauspieler Wolfgang Krause Zwieback. Zusammenarbeit mit Henry Schneider bei den alljährlichen Stelzenfestspielen. Konzerte, Installationen und Aufführungen in Salzwedel, New York, Rheinsberg, München, Rüdersdorf, Graz, Nürnberg, Bern, Beucha, Leipzig, Frankfurt. Ein wenig lugt Staches Schalk in der Aufzählung seiner Aktivitäten hervor. Salzwedel und New York. Beides erscheint ihm gleich wichtig - genauso gleichwertig wie Computer oder Steuerscheibe aus der Waschmaschine. Nichts von Hierarchie. Eher eine Demokratie der Dinge, der Orte und der Klänge. Maschinen zum Selbstbedienen, "Spiel"-sachen im wahrsten Sinne, Einladungen zum Mitgestalten. Auch hier keine Hierarchie. Ein Kreativer auf der Bühne, viele Kreative im Publikum. Ob das dann immer gleich Kunst wird, bleibt nebensächlich. Kinder finden den spielerischen Zugang schnell, Erwachsene suchen immer erst die mögliche Botschaft: Durch Nacht zum Licht? Vorbilder? Sicher, nämlich all jene, die Ideen haben (und diese auch umsetzen wollen, umsetzen können) Sicher, nämlich alle die, die nicht vorher schon wissen wollen, wissen müssen, was entstehen kann. Die, die neu-gierig sind. Sicher, nämlich alle die, die nicht ständig nach Vorbildern fragen, nach fahrenden Zügen, auf die sie vielleicht aufspringen könnten. Und natürlich alle die, die sich konsequent zwischen die Stühle setzen. Denn wo Stache auftritt, ist die Irritation groß, vor allem beim selbsternannten akademischen Fachpublikum.



Ist denn das Musik?
Ist denn das Theater?
Ist denn das Kabarett?
Ist denn das bildende Kunst?
Darf eigentlich gelacht werden?
Und was soll das alles bedeuten?

Ja, es darf gelacht werden. Vor allem, wenn sich zusätzlich auch noch Hintergründiges erschließt. Und über die Bedeutung wird man sich vielleicht erst viel später klar. Denn Staches Bildfolgen und Klänge verlassen einen so schnell nicht, geben in ihrer Vieldeutigkeit jeder Assoziation freien Spielraum. Und darauf kommt es schließlich an.


Laudatio zum “Gellert”- Preis, Kunstpreis 2001 Land Delitzsch ---- Text von Steffen Schleiermacher