"Unterwegs - Musik erfahren"

aus: SZ, 30. November 1998

Der bei Leipzig lebende Komponist/Erfinder Erwin Stache meint den Schall. Und dem nähert er sich seit fast zwanzig Jahren bastelnd. Es ist ein DDR- Phänomen: Aus dem Radio hörte man zeitgenössische elektronische Klänge, und da es die Apparaturen dafür im Osten kaum gab, sammelte man Gegenstände vom Sperrmüll oder aus alten Betrieben. Mit ihnen, kühn erfinderisch verflochten, suchte man das westliche High-Technology-Klangdesign nachzustellen. Das gelang bestenfalls annähernd, aber eine neue Erfahrung stellte sich ein: Die Klänge aus diesem Retortenwerk lebten - im Gegensatz zu ihren westlichen Vorbildern. So werkelte Stache unermüdlich weiter: baute Schächtelchen, die beim Öffnen wie vor Schmerz quietschen oder auch wichtigtuerisch eine Nachricht von sich geben, im Chor singende Briefmarkenalben, quäkende Schalthebel, ein Gestängewerk, das in sturer Beharrlichkeit ein, zwei Töne auf dem Klavier anschlägt, V-förmig aufgestellte Zithern, auf die von Förderbändern transportierte Kügelchen fallen, einen mannshohen, samtig schwarz verhangenen Kasten, der in gutturalem Opernton zu Arien anhebt. Oder er benutzte einfach Herumliegendes, um es durch elektronische Klangabnahme in seine klangliche Alchimistenstube zu integrieren: Nürnberger Scheren, Grillroste, ein Tischfußballspiel mit an Federn befestigten Männchen, die sich fast wie ein afrikanisches Daumenklavier bedienen lassen. Dazwischen menschelt Stache. Im Typus eines gedankenverlorenen Erfindergenies durchsucht er sein installiertes Labor, öffnet hier einen Klang, schrickt dort vor einem aufmurrenden Gegenstand zurück, findet sich am Klavier zu einer anarchischen Improvisation ein. Und auf einmal wächst eine wunderbar stimmige musiktheatrale Aktion heraus. Die Gegenstände scheinen ihren Zaubermeister zu lieben wie eine im Warmen geborgene Schar von Haustieren. Ein gemeinsames Konzept entsteht, Stacheophonie. Sichtlich hatte das Publikum im Marstall daran größtes Vergnügen. Nicht nur, weil die absurden, manchmal störrisch penetranten Klänge unmittelbar Heiterkeit evozieren. Gespürt wurde eine ganz unmittelbare Kraft der Kreativität. Sie steckte voller Hintersinn, ohne anzugeben, worin dieser liege (Mensch-Maschine? Das Arme und das Reiche? Ratio und Wunder? Das "Zeug" Heideg- gers?). In diesem Geheimnis aber lagen schon immer wesentlich Größe und Gelingen künstlerischer Arbeit verborgen.

REINHARD SCHULZ